Private Equity im Steuerberatungsmarkt. Chancen und Risiken für Steuerkanzleien.

Der Steuerberatungsmarkt befindet sich in einer Phase strukturellen Wandels. Der Einstieg von Private Equity ist kein kurzfristiges Phänomen, sondern Ausdruck tiefer liegender Entwicklungen. Fragmentierte Marktstrukturen, steigende Nachfrage nach steuerlicher Beratung, Nachfolgeprobleme und ein zunehmender Professionalisierungsdruck treffen auf einen rechtlich stabilen Rahmen.

Für Kanzleien bedeutet das vor allem eines. Die kommenden Jahre sind entscheidend für die eigene strategische Positionierung. Nicht, weil jede Kanzlei wachsen oder verkaufen muss, sondern weil strategische Klarheit wichtiger wird als früher.

Vom personengetriebenen Modell zur belastbaren Organisation

Viele Steuerkanzleien sind historisch stark über Personen gewachsen. Fachliche Qualität, persönliche Mandantenbeziehungen und individuelle Arbeitsweisen standen im Zentrum. Dieses Modell funktioniert weiterhin, stößt jedoch bei Wachstum, Effizienz und Übergabefähigkeit zunehmend an Grenzen.

Mit dem Einstieg von Private Equity verschiebt sich der Fokus stärker auf organisationale Aspekte. Prozesse werden vereinheitlicht, Strukturen vergleichbar gemacht, Transparenz und Steuerbarkeit rücken in den Vordergrund. Ziel ist weniger kurzfristige Effizienz als vielmehr langfristige Skalierbarkeit und geringere Abhängigkeit von einzelnen Schlüsselpersonen.

Aus unserer Praxis heraus sehen wir klar: Nicht jede Kanzlei muss wachsen oder skalieren. Aber jede Kanzlei muss professionell organisiert sein, um langfristig stabil, attraktiv und handlungsfähig zu bleiben.

Technologie als strategische Grundlage für erfolgreiche Steuerkanzleien der Zukunft

IT ist heute mehr als Infrastruktur. Cloud Lösungen, Schnittstellen, Automatisierung, Dokumentenmanagement, Reporting und IT Sicherheit beeinflussen unmittelbar Produktivität, Mandatsstruktur und Arbeitgeberattraktivität.

Größe kann dabei ein Vorteil sein, weil Investitionen in moderne Systeme wirtschaftlicher darstellbar werden. Gleichzeitig beobachten wir, dass kleinere Kanzleien ohne klare IT Strategie zunehmend unter Druck geraten. Nicht weil Technologie Selbstzweck ist, sondern weil sie Voraussetzung für Effizienz, Qualität und Zukunftsfähigkeit wird.

Diese Entwicklung verstärkt strukturelle Unterschiede im Markt, ist aber kein Automatismus.

Personalgewinnung als Engpass und Bewährungsprobe in der Steuerberatungsbranche

Der Fachkräftemangel ist im Steuerberatungsmarkt seit Jahren spürbar. Gleichzeitig haben sich die Erwartungen von Mitarbeitenden deutlich verändert. Arbeitsumfeld, Führung, Stabilität, Sinnhaftigkeit und Entwicklungsperspektiven spielen eine größere Rolle als früher.

Professionelles Recruiting und eine klare Arbeitgeberpositionierung werden damit zu zentralen Wettbewerbsfaktoren. Gleichzeitig stellt sich eine entscheidende Frage: Wie attraktiv empfinden Mitarbeitende stärker standardisierte, investorengetriebene Strukturen tatsächlich? Diese Diskussion wird in der Branche oft zu wenig geführt.

Private Equity Plattformen beschleunigen Professionalisierung, erhöhen aber auch den Vergleichsdruck auf alle Marktteilnehmer.

Marktbewegungen und Mandatsstruktur

In Teilen des Marktes beobachten wir, dass größere Einheiten ihre Mandatsstruktur stärker fokussieren. Kleinere Mandate werden selektiver betreut oder abgegeben und wandern zu mittelgroßen Kanzleien weiter.

Daraus können Wachstumschancen entstehen. Voraussetzung ist jedoch, dass Organisation, Personal und Prozesse auf Wachstum vorbereitet sind. Wachstum entsteht nicht automatisch, sondern muss aktiv gestaltet werden.

Konsolidierung, Bewertung und Gebührenlogik von Kanzleien

Verschiedene Marktbeobachter gehen davon aus, dass die Zahl der Steuerberaterinnen und Steuerberater langfristig sinkt, während die Nachfrage stabil bleibt oder steigt. Nachfolgefragen und demografische Effekte verstärken diesen Trend.

Das begünstigt Konsolidierung. In Transaktionen zeigt sich, dass Kanzleien mit klaren Strukturen, geringer Personenabhängigkeit und professioneller Organisation tendenziell attraktiver bewertet werden.

Gleichzeitig wird die Gebühren und Preislogik strategischer. Effizienzgewinne und Segmentierung schaffen Spielräume, erhöhen aber auch Transparenz und Erwartungshaltungen auf Mandantenseite. Nicht jeder Mandant bewertet diese Entwicklung automatisch positiv.

Nicht Größe allein entscheidet, sondern Organisationsreife und Mandantenverständnis.

Eigenständig erfolgreich ohne Private Equity

Ein Punkt, der in der öffentlichen Diskussion häufig untergeht: Die absolute Mehrheit der Kanzleien, mit denen wir arbeiten, funktioniert sehr erfolgreich ohne Private Equity.

Viele dieser Kanzleien wachsen profitabel, gewinnen qualifizierte Mitarbeitende, investieren gezielt in Technologie und sind für Mandanten hochattraktiv. Für sie besteht aktuell keine Notwendigkeit für ein PE-Backing.

Unsere klare Beobachtung aus der Praxis ist: Wer als kleine oder mittelständische Kanzlei mutig ist, seinen Weg konsequent geht, sauber organisiert arbeitet und bewusst investiert, muss sich nicht verstecken. Eigenständigkeit, unternehmerische Klarheit und eine starke Kanzleikultur sind weiterhin echte Wettbewerbsvorteile.

Private Equity ist damit eine Option. Aber kein Qualitätsmerkmal und kein Muss.

Wachstumsoptionen und strategische Freiheit für viele Steuerberater

Für Kanzleien eröffnet die aktuelle Marktphase mehrere Wege. Eigenständiges Wachstum, Kooperationen, Zusammenschlüsse oder ein späterer Verkauf an einen Investor.

Entscheidend ist, diese Optionen bewusst zu gestalten, statt sich von Marktstimmungen treiben zu lassen. Wer heute professionell aufgestellt ist, entscheidet morgen selbst, welchen Weg er geht.

Inhouse oder externe Partner

Viele Kanzleien stehen vor der Frage, welche Funktionen intern abgebildet werden sollten und wo externe Partner sinnvoll sind.

Je spezialisierter, technischer oder strategischer ein Thema ist, desto sinnvoller kann externe Expertise sein. Nicht aus Schwäche, sondern aus Effizienz und Geschwindigkeit. Erfolgreich sind Kanzleien, die diese Entscheidungen bewusst, langfristig und strukturiert treffen.

Ausblick: Wenn Haltezyklen der PE-Fonds enden

Spannend wird die Entwicklung, wenn die ersten Private Equity Engagements in Richtung Exit Phase laufen. Typische Haltedauern liegen bei mehreren Jahren.

Dann wird sichtbar, welche Modelle nachhaltig funktionieren, wie Mitarbeitende und Mandanten darauf reagieren und wo Wachstum vor allem kapitalgetrieben war. Diese Phase wird den Markt erneut verändern.

Fazit für Kanzleiinhaber

Private Equity beschleunigt die Professionalisierung des Steuerberatungsmarktes. Es schafft Chancen, aber auch neue Spannungsfelder.

Gleichzeitig zeigt unsere tägliche Arbeit sehr deutlich: Viele Kanzleien sind und bleiben auch ohne Private Equity sehr erfolgreich. Wer seine Stärken kennt, konsequent investiert und mutig seinen eigenen Weg geht, kann eigenständig wachsen und langfristig bestehen.

Unsere Überzeugung aus der Praxis lautet daher:
Nicht jede Kanzlei braucht Private Equity.
Aber jede Kanzlei braucht eine bewusste, eigenständige strategische Entscheidung.

Über uns

Lukas Wagner ist Gesellschafter-Geschäftsführer der TaxIt Consulting GmbH, einem der führenden spezialisierten Dienstleister für Steuerkanzleien in Deutschland. Das Unternehmen wurde 2020 gegründet, hat seinen Sitz in Stuttgart und beschäftigt heute rund 35 Mitarbeitende.

TaxIt Consulting unterstützt Steuerkanzleien aller Größenordnungen von kleinen und mittelständischen Einheiten bis hin zu großen Gesellschaften mit mehreren hundert Mitarbeitenden in den Bereichen Strategie, Positionierung, Branding, Marketing, Recruiting sowie Organisationsentwicklung. Das Team vereint Expertise aus renommierten Steuerberatungsgesellschaften, führenden Unternehmensberatungen und innovativen Start ups. Viele Berater bringen operative Erfahrung aus der Steuerberatung mit und sprechen die Sprache der Branche.

Über den Autor
Lukas Wagner
Gründer & Geschäftsführer
  • Bachelor in BWL Goethe-Universität Frankfurt (Abschluss mit 1,2 und Auszeichnung) & Station in Shanghai
  • Master in Business Innovation Universität St. Gallen (Schweiz)
  • DAAD Stipendium für exzellente Studienleistungen
  • Berufliche Stationen bei EY, Mercedes-Benz und einem Tech-Startup
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